Klicken aus Notwehr

Den meisten ist es sicher entgangen. Vom ersten bis zum vierzehnten Oktober hat die Sächsische Zeitung eine Onlineabstimmung zum schönsten Baby im Elbland abgehalten. Zunächst konnten die stolzen Eltern ihre Sprösslinge in einem teilnehmenden Meißner Fotostudio ablichten lassen. Diese Bilder wurden dann auf der Webseite der Zeitung angezeigt und alle Besucher konnten abstimmen.

Holpriger Start

Doch bereits vor dem Start der Abstimmung kam es bereits zu Unregelmäߟigkeiten, als die Bilder eines Fotografen bereits vor dem Start des Votings sichtbar waren. Der Vorfall wurde aber bemerkt und die Seite wieder gesperrt (siehe auch Printausgabe vom 4. Oktober, Seite 15).

Am ersten Oktober ging es dann los. Alle Babys waren online und warteten auf Stimmen – und diese kamen. Bei der Verteilung der Stimmen war allerdings von Beginn an etwas merkwürdiges zu beobachten. Während einige süße Kinder fünf Tage nach dem Start der Abstimmung immer noch keine Stimme hatten, gingen andere süße Kinder stimmentechnisch durch die Decke und der Krieg der Eltern hatte begonnen. Irres Klicken war die Folge.

Klicken, klicken, klicken …

Die Anzahl der abgegebenen Stimmen stieg dramatisch an. Wobei zwischen Tag und Nacht kein deutlicher Unterschied bestand. Zu Beginn meiner Messungen am 5. Oktober waren bereits 17.429 Stimmen abgegeben. Nur neun Tage später waren es schon 116.869. Das bedeutet das pro Tag 11.048,8 Leute abgestimmt haben. Und das bei einer verkauften Auflage von 44.850 (Regionalausgabe Meißen) und etwa 8.950 Followern auf Facebook.

Besonders eindrucksvoll ist dieses Beispiel: In der Nacht vom zehnten zum elften Oktober (10.10. 22:13 Uhr bis 11.10. 05:14 Uhr) haben 3.844 Leute abgestimmt.

Diese Zahlen lassen insgesamt folgende Schlussfolgerungen für möglich erscheinen:

  • es haben tatsächlich über 11.000 Menschen pro Tag abgestimmt
  • es wurden tatsächlich über 11.000 Stimmen pro Tag abgegeben

Hinter beiden Aussagen steckt hier ein elementarer Unterschied. Aufgrund der vorliegenden Zahlen halte ich jedoch die letztere Variante für eher wahrscheinlich. Trotz der Abwehrmaßnahmen des Verlages gelang es anscheinend einigen Abstimmenden ihre Stimme mehrfach abzugeben.

Die emotionale Verbissenheit einiger Eltern hätte der Verlag eigentlich kommen sehen müssen, da genügt es nicht jede IP-Adresse nach dem Voting für 24 Stunden zu sperren.

Reconnects, Proxys, Tor und das soziale Netzwerk

Davon ausgehend, dass bei der Stimmabgabe diverse Manipulationen vorgenommen wurden, gibt es meiner Kenntnis nach folgende Methoden, um die Stimmen für das eigene Kind etwas zu steigern:

  • Soziales Netzwerk aktivieren: damit lassen sich auf jeden Fall einige Stimmen einsacken – je nachdem wie oft die Info bzw. der Link zum Voting gepostet oder geteilt wird.
  • Reconnects: da man mit einer IP-Adresse nur einmal am Tag abstimmen kann, ist es hilfreich einen Reconnect des Routers auszulösen und so eine neue Adresse zu bekommen, mit der lässt sich dann auch wieder abstimmen. Das ganze ist allerdings zeitintensiv und der User würde ca. 1 Stimmen / Minute generieren.
  • Tor: kann genutzt werden um die eigene IP-Adresse zu verbergen und eine andere Adresse (Identität) anzunehmen. Die Anzahl der Ausgangserver ist allerdings begrenzt und wenn mehrere diesen Weg wählen, sind schnell alle IP’s verbraucht.
  • Proxys: verbergen ebenfalls die eigene IP-Adresse und rufen zum Beispiel eine Webseite unter einer anderen auf. Proxyserver gibt es wie Sand am Meer.
Gesamtstimmen bei der SZ-Babyfotowahl im Oktober 2012

Verlauf der Gesamtstimmen bei der SZ-Babyfotowahl im Oktober 2012

» alle 668 Datensätze herunterladen (.zip)

Tritt ins Licht!

In ihrer Printausgabe vom 16. Oktober (Seite 14) spricht die Zeitung selbst von insgesamt 106.905 Stimmen. Irgendwie fehlen da jetzt 9.964. Naja trotz dieser „Leserabstimmung ohne Regeln“ bleiben doch alle Kleinen süß und knuffig und niedlich sind sie sowieso. Dafür hat die Natur vorsorglich Maßnahmen ergriffen.

Eines Tages werden wir vielleicht auch aufhören Menschen nach dem Aussehen in Gruppen oder Rangfolgen einzuteilen und jeden schätzen und ihn annehmen wie er ist. Bis dahin wird es sicher noch einige Votings geben und einige Eltern werden aus Notwehr zu Maßnahmen greifen, um das Ergebnis ihren Ansichten näher zu bringen.

Ein Gedanke zu „Klicken aus Notwehr

  1. Ferdinand Schill

    Hallo Felix, Es ist angenehm das Babys in den Medien mit oben rangieren. Allerdings ist so ein Votom für alle Beteiligten hoch emotional und auf offensichtlich unglaubliche Ergebnisse wird dann auch mit Enttäuschung ragiert. Schade auf die vertane Chance auf mehr Vertrauen und ein für alle glückliches Erlebnis.
    Steffen Trojan

    Antworten

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